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Pressestimmen


Der Komponist und Dirigent Hans Zender wird siebzig

Komponist als Kapellmeister oder Dirigent, der auch komponiert? Die Beispiele musikalischer Doppelbegabung sind übermächtig - von Richard Wagner bis Boulez und Esa-Pekka Salonen. Mit Boulez hat Zender die intellektuelle Leidenschaft gemeinsam und so kommt zum Komponisten und Dirigenten der Wortautor hinzu. Die Sinne denken heißt die Sammlung seiner Schriften aus drei Jahrzehnten (Verlag Breitkopf & Härtel). Wer sich diesen Texten zur Musik anvertraut, wundert sich, wie viele Gedanken zu Gegenwart und Vergangenheit der Musik, zu Komposition, Kunst und zu unserem Kulturalltag sich Zender in all den Jahrzehnten notiert hat.
Das Buch gibt auch Auskunft über Zenders Kompositionen. Im Werkverzeichnis beeindruckt die Bandbreite der rund siebzig Kompositionen aller Gattungen, die künstlerische Konsequenz. Gegen die stilistische Zuordnung eines poetischen Strukturalismus, der Komplexität des Denkens und Neigung zur lyrischen Verdichtung umschreibt, hat er nicht viel einzuwenden. Stille Komponistenklause und sturmerprobtes Dirigentenpult als Arbeitsplatz Zender hat sich nie gescheut, Verantwortung zu übernehmen in den Institutionen des öffentlichen Musiklebens, war Generalmusikdirektor am Opernhaus Kiel und an der Hamburgischen Staatsoper, wirkte als Kompositionsprofessor in Frankfurt und teilt sich seit 1999 mit Michael Gielen und Sylvain Cambreling die Leitung des SWR-Sinfonieorchesters. Die Dreierkonstellation befreundeter Künstler nennt er seinen absoluten Wunschtraum.
Zenders Dirigieren ist bestimmt von analytischer Klarheit und Musikalität gepaart mit Energie und Leichtigkeit der Körpersprache. Auch die Musik der Vergangenheit, seine Schubert- oder Mah1er-Interpretation, zu schweigen von Debussy und der neuen Musik, erklingt bei ihm transparent. Als einer der Ersten unternahm er in den sechziger Jahren, was heute vielen Dirigenten natürlich erscheint: die Verknüpfung von Tradition und Moderne. So montierte er Schönbergs Überlebenden aus Warschau mit Bachs Matthäus-Passion. Und seine Repertoirewünsche heute? Janacek, Bach-Kantaten, mehr Haydn-Symphonien.
Der Komponist Zender, früh geprägt von dem mystischen Avantgardisten Bernd Alois Zimmermann, denkt gern in Werkserien, er erkundet auf die Weise verschiedene Klangfarbperspektiven, die Ausdrucks- und Spielmöglichkeiten für unterschiedliche Formen und Besetzungen. Die meist kammermusikalischen Zyklen tragen Namen wie Canto oder von japanischem Denken beeinflusst Kalligraphie. Sein Verhältnis zur Tradition denkt er nicht restaurativ, sondern immer nach vorn. Drei Opern hat er bisher geschrieben, doch er hadert mit den Auswüchsen des Regietheaters, bei dem ihm das Kontemplative der Kunst zu kurz kommt.
Zur Zeit schreibt er, für die nächsten Donaueschinger Musiktage, ein Stück für drei Chöre und drei Orchester auf den Eingang des Johannes-Evangeliums. Die Sprache: griechisch und lateinisch. Hans Zender, der den 70. Geburtstag dank Frische des Geistes sicher überstehen dürfte, hat nie den höchsten Anspruch an sich selbst und an die Kunst verraten.

WOLFGANG SCHREIBER
Süddeutsche Zeitung, 22.11.2006


Erleuchtung fast garantiert

Herkulessaal: Giacinto Scelsi bei musica viva

Wenn man lang genug fastet, ist die Erleuchtung nah. Giacinto Scelsi hat die Musik radikal abgespeckt. Sie kennt weder Haut noch Knochen und besteht nur aus Atomen. In den Stücken des italienischen Einzelgängers erklingt nur ein Ton. Er wird durch den Klang der Instrumente immer wieder anders beleuchtet, durch die Mischungen gewürzt und mikrotonal gefärbt.
Das kurzfristig wegen der Erkrankung einer Sängerin mit weiteren Stücken Scelsis aus den 60er Jahren ergänzte Programm der fünften musica viva bewies den Erfolg dieser musikalischen Fastenkur. „natura renovatur“ demonstriert die Farb-Vielfalt des Klangs von elf Streichern. „Quattro pezzi“ experimentierte mit der herb-stumpfen Besetzung von Schönbergs Kammersinfonie „Hymnos“ für große Besetzung mit Orgel wirkt wie das zehnminütige Konzentrat einer Bruckner-Sinfonie: Zwei vom Schlagzeug grundierte Wellen steigern sich zu einem gewaltigen archaischen Röhren.
Obwohl fernöstliches Gedankengut Scelsi inspirierte, wirkt die Musik weder exotisch noch esoterisch. Dirigent Hans Zender betonte den inneren Energie-Fluss dieser sehr langsamen Musik, das Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks war mit spürbarem Engagement im Herkulessaal dabei.
Es ist nicht leicht neben Scelsis musikalischer Askese zu bestehen. Hans Zender wagte es mit einer eigenen Komposition, dem Cellokonzert „Bardo“, inspiriert vom „Tibetischen Totenbuch“ und sonor gespielt von Gustav Rivinius mit einem Rundbogen. „Bardo“ verströmte aber nicht New Age, sondern den diskreten Charme akademischer Solidität. Das Cello grübelte in expressionistischen Monologen. Bisweilen kam es zu einem Notenwechsel mit einer Concertiono-Gruppe aus zwei Klavieren und Schlagzeug. Das Orchester kümmerte sich in lautstarken Zwischenspielen meist um seinen eigenen Kram. Dieses aufwendige Nebeneinander wirkte im Umfeld der Ein-Ton-Askese verschwenderisch und üppig.

Robert Braunmüller
Abendzeitung vom 6. März 2006


Hans Zender und die musica viva

Der stark von buddhistischem Gedankengut beeinflusste italienische Komponist Giacinto Scelsi betrachtete seine Musik als Meditation über den Klang. Seine Werke gleichen einer Erkundungsfahrt durch den Raum zwischen einem Ton und dem nächsten, wollen aber auch den obertonreichen Luftraum darüber sichtbar machen. Die Bereitschaft sich in die Musik Scelsis hineinzuversenken ist bei Musikern wie Hörern manchmal gering. Umso verdienstvoller, dass Hans Zender beim musica-viva-Konzert im Münchner Herkulessaal gleich drei Werke dieses Tonschöpfers aufs Programm gesetzt hat: neben dem ohnehin vorgesehenen Stück „Natura renovatur“ für elf Streicher als Ersatz für Gerhard Griseys entfallenes Werk „L´ione paradoxale“ die „Quattro pezzi“ für Orchester und „Hymnos“ für Orgel und zwei Orchestergruppen.
Sinnliches Hörerlebnis
Dass der Komponist und Dirigent Hans Zender nicht nur Kenner und Versteher sondern auch erfolgreicher Vermittler der Musik Scelsis ist, macht der gut besuchte Abend deutlich. Statt enervierenden Herumbuchstabierens auf einzelnen Tönen bot er eine kontrastreiche jede einzelne Farbe auskostende Zusammenfügung spannender musikalischer Ereignisse. Wie mit dem Zauberstab dirigierte Zender das Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks, das mit der Organistin Elisabeth Zawadke den „Hymnos“ tatsächlich zu einem brausenden Festgesang werden ließ.
Jenseits der intellektuellen Aufmerksamkeit, die ihnen die Ausführung abverlangte, schafften es die Musiker ein sinnliches eher packendes als meditatives Hörerlebnis zu vermitteln, das Unsichtbare zwischen und über den Klängen zu verdeutlichen. Eine Erweiterung des musikalischen Bewusstseins, für die sich das Publikum mit herzlichem Applaus bedankte. Als Komponist steuerte Zender die Komposition „Bardo“ für Violoncello und Orchester bei. Gustav Rivinius spielte den Solopart voller Doppel- und Mehrfachgriffe, Daumenglissandi und anderen akrobatischen Fingerübungen mit dem Rundbogen – und mit hoher virtuoser Überlegenheit.

Stephan Schwarz
Münchner Merkur vom 6. März 2006


Italienischer Eigenbrötler
Hans Zender dirigiert Scelsi in der Münchner musica viva

Die Musik von Giacinto Scelsi (1905-1988) sei, so der dirigierende Komponist Hans Zender, in ihrer Wirkung durch intellektuelle Präformation von Hörern nicht erklärbar. Zender stellt seit mehr als 40 Jahren Vermutungen über Scelsis Komponieren an, und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er keineswegs glaubt, eine letztgültige Idee zu dessen Werk gefunden zu haben. Bei der Münchner Konzertreihe musica viva stellte er nun drei Stücke Scelsis aus dessen Reifezeit zur Disposition und ihnen sein „Bardo“ für Cello und Orchester gegenüber.
In der Dramaturgie des Konzerts wirkte dabei „Natura renovatur“ wie die Keimzelle von Scelsis Suche nach dem einen Ton, der ein ganzes Universum in sich tragen kann. Tatsächlich aber steht das einsätzige Streicherstück am Ende einer Entwicklung, die im „Hymnos“ für Orgel und riesiges Orchester 1963 ihren Höhepunkt in der Wahl der Mittel fand. „Hymnos“ beschreibt in zwölf Minuten die Genese eines tons. Und da dieser Ton, aufgefächert und angereichert durch seine Obertonstrukturen, die in hörbare Bereiche heruntertransportiert und über verschiedene Instrumentengruppen verteilt werden, als Klang in seinem ganzen Spektrum ausgebreitet wird, erzählt dieses Werden die Genese von Musik an sich. Das mutet archaisch an und protoreligiös – weil hier, im Unterschied zu dem symphonischen Weltentstehungskomponisten Anton Bruckner, nie so etwas wie Glaube in welcher Ausrichtung auch immer gemeint ist, sondern ein Bewusstseinszustand vor der Ausdifferenzierung des modernen Ich.
Zender dirigierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit lässiger Präzision; die Musiker dankten es ihm mit echtem Engagement. Einzig bei den „Quattro pezzi“, krankheitsbedingt kurzfristig ins Programm genommen, wollte sich die Faszination dieser oszillierenden, jede Struktur im Verhältnis zur Zeit verneinenden Musik nicht ganz einstellen. Wenn keine musikalische Spannung das Klangerlebnis durchwirkt, beginnt man über seine Konstruktion nachzudenken. Und dann kracht Scelsis elementares Klanggebäude in sich zusammen. Doch so weit kam es nicht, „Hymnos“ war die Manifestation intensiver, auf einen Punkt verharrender Ekstase, „Natura renovatur“ die spröde und dabei höchst spannende Suche nach dem Wert des Tons an sich.
Gegen Scelsis mit ihren Mitteln wuchernde Askese wirkt Zenders Stück „Bardo“ von 2000 wie ein calvinistischer Kommentar. Wo Scelsis Klänge einfach da sind, ist Zenders Komposition immer Konstrukt. Obwohl im Umgang mit Zeit dem italienischen Eigenbrötler nicht unähnlich, bricht bei Zender stets das (dirigentische) Wissen um die Machbarkeit durch. Zenders Komponieren ist akademische Herstellung von Expressivität – Scelsi ist Natur.

Egbert Tholl
Süddeutsche Zeitung vom 7.März 2006