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Pressestimmen zur Uraufführung


Das Spiel mit dem Effekt

"Die Lust am Experiment einte alle drei Uraufführungen des 6. musica-viva-Konzerts im Karl-Orff-Saal. Jörg Widmann ließ sich zum Beispiel vom spielerischen Suchen leiten, als er zusammen mit Stefan Blum das Stück „Skelett“ konzipierte. In diesem Schlagzeugsolo muss der Interpret seine Instrumente im ureigensten Wortsinn ertasten. Marimaphon, Vibraphon und Trommel werden nur mit den Fingern berührt, auf einer Schnur zwischen die Zähne geklemmt und von einem Holzstück nach unten gezogen, werden leiseste Töne gezupft. In diesem Stück ist die visuelle Komponente wesentlich, denn sonst sind die vielschichtigen Geräusche kaum als Pedaltreten des Vibraphons auszumachen oder das laute Krachen am Ende als Zerlegen des Marimbaphons."


Vermessung des Tonraums

"Stücke, die wie akustische Vermessungsmanöver daherkommen, haben zurzeit Konjunktur. Auch die vier Kompositionen, die beim 2. Konzert der musica viva im Carl-Orff-Saal erklangen, gingen diesen Weg. Ganz verschieden natürlich, die Materialbefragungen richteten sich an den Gesamtkorpus eines Flügels, nach den Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme (beides von Jörg Widmann), nach dem Ineinander von 100 verschiedenen Stimmungen vom Fünf-Drittel-Ton bis zu Zwanzigstel-Tönen („Rad“ von Enno Poppe) bis hin zur abklopfenden Betrachtung eines sechsteiligen Sets von chinesischen Gongs („Parade“ von Guo Wenjing). Wer hierbei freilich Mangel an Poesie befürchtete, sah sich eines Besseren belehrt. Es ist spannend, in ein Instrument intensiv hineinzuhorchen, wenn die Näherung mit gleichsam systematischem Witz erfolgt, wenn die Manöver also auch strukturellen Sinn ergeben und formaler Konsequenz gehorchen.
Das war bei Jörg Widmanns „Hallstudie“ für Klavier durchaus der Fall. Bei dem jungen, aufstrebenden Münchner Komponisten, der sich mittlerweile in die führende Riege deutscher Komponisten einreiht, hat man manchmal den Verdacht, dass seine Arbeiten mitunter einer kaum zu bändigenden Fülle musikalischer Ideen fast zügellos nachgehen und dabei eine unbedingte innere Notwendigkeit vermissen lassen. (Wohl mochte man das auch beim freilich exzellent von den Stuttgarter Vokalsolisten interpretierten Stimmen-Stück „Signale“ vermerken.) Das Klavier mit ständig durchgedrücktem Pedal wirkt hier wie ein großer Resonanzraum, vielleicht auch wie das innere eines Ohrs, wo je nach Aktion andere Härchen oder hier Saiten zum Schwingen gebracht werden. Der Prozess führte suggestiv über verschiedene Präsenzformen des Klangs, wobei der „normale“ Klavierklang, der schließlich bis hin zum Moll- oder zur Quint aufscheint, fast wie eine Ausnahme des ganzen Spektrums wirkt."



Perfekte Stimmakrobaten

"Jörg Widmann, Münchens jüngster Vorzeige-Komponist, war zweimal vertreten, als die musica viva zum Studiokonzert in den Münchner Gasteig einlud. Sein 2003 entstandenen Werk Signale für sechs Stimmen a cappella ist ein sirenenhaftes Stimmengeflecht, das vom anfänglichen, zunächst gar nicht wahrnehmbaren Akkord in sich überlagernde Glissandi (wie beim zu schnellen Drehen des Radioknopfs) führt. Ohne Text-Halt demonstrierten die Neuen Vokalsolisten Stuttgart Widmanns Stimmakrobatik perfekt: vom Raunen, Fauchen, Zischen, Gurgeln und Hecheln bis zum Tremolo in Sopranhöhen. Höchst beeindruckend geriet Widmanns quasi rituelles Klavierstück Hallstudie von 2003, in dem Irene Russo den Flügel als Ganzes umkreiste und zum Klingen brachte. Die tatsächlich auf der Klaviatur angeschlagenen Töne sind nur ein Bruchteil dessen, was sie dem Instrument entlocken muss. Mit Händen, Messern oder Plektron bearbeitete sie Holzkörper und Innenleben des Flügels, ertastete mit rhythmischen Schlägen den Resonanzraum, riss die Saiten an oder setzte metallische Akzente, steigerte sich bis zu minimalistisch repetierten Tönen oder Akkorden, die sofort erstickt wurden. Das faszinierende Wechselspiel zwischen Innen und Aussen erzeugte bis zuletzt immer neue Klänge, bis mit Hand aufs Holz das Instrument verstummte."